Von Wirtshausschlägereien und Elefantenherden

In den USA wird ein rassistischer Irrer als Präsidentschaftskandidat gewählt, der sich permanent selbst widerspricht und täglich dabei ertappt wird, wie er seine Unwissenheit mit Dreistigkeit und Beleidigungen zu überspielen versucht. In Großbritannien erfindet der Premierminister aus innenpolitischen Gründen eine Volksabstimmung, die von zwei rechten Populisten zur persönlichen Profilierung genutzt wird und dabei – mehr aus Versehen als aus wirklicher Überzeugung – zum Ausstieg aus der Europäischen Union führt. Und in Österreich wird beinahe ein Rechtsradikaler zum Bundespräsidenten gewählt und bekommt am Ende noch eine zweite Chance, weil die Wahl wegen Formfehlern wiederholt werden muss.

Was passiert da eigentlich gerade? Mit ein wenig Abstand zur Tagespolitik muss man feststellen: Politik wird nicht mehr so ernst genommen – das Handeln von Politikern und Wahlvolk besteht zunehmend aus einer Mischung aus Kurzfristigkeit, Emotionalität und dem Verlust an Verantwortungsgefühl für das Ganze. Zugegeben: das klingt nach der Klage eines Wertkonservativen oder Liberalen, dessen politische Überzeugungen gerade wenig Resonanz in der Realität finden.

Wenn man allerdings seine systemische Brille aufsetzt und weniger auf die Themen und Akteure, sondern auf deren Beziehungen und ihre Kommunikation schaut, wird etwas klarer, worin die Gemeinsamkeiten dieser Ereignisse bestehen. Die Entwicklung des medialen Systems hat in den vergangenen zehn Jahren durch die massenhafte Nutzung sozialer Medien und mobiler Endgeräte die Kommunikation extrem beschleunigt: ein Ereignis wird innerhalb von Minuten weiterverbreitet, kommentiert und bewertet. Wer sich nicht auf dieses Spiel einlässt, weil er zu sehr in den kommunikativen Gewohnheiten des 20. Jahrhunderts verhaftet ist, schadet seiner Position im politischen Meinungsstreit, verringert seine Fähigkeit, die Deutungshoheit über die Ereignisse zu erringen, und erzeugt Zweifel an seiner allgemeinen Befähigung für politisches Handeln an sich. Bestes Beispiel aus jüngster Vergangenheit ist das Timing von Polizei und Politik im Nachgang der Silvesterübergriffe in Köln.

Die Beschleunigung im medialen System führt im politischen System dazu, dass genau die Zeit eliminiert wird, die man sich noch vor zwanzig Jahren nehmen konnte, um über die Folgen unbedachter Äußerungen und emotionaler Kurzschlussreaktionen vorab nachzudenken und sich im Zweifelsfall davon abraten zu lassen. Stattdessen wird jeder Politiker zu seinem eigenen Pressesprecher und meint (nicht völlig zu Unrecht), dass eine schnellere Reaktion mehr Aufmerksamkeit erzeugt – obwohl oder vielleicht gerade weil sie situativer, emotionaler, oft dramatischer und meist weniger reflektiert ausfällt. Damit entsteht ein Kommunikationsproblem zweiter Ordnung, denn das Echo aus den sozialen Medien ist eigentlich immer schriller als die Originalbotschaft, führt zu Fehlinterpretationen („Das ist aus dem Zusammenhang gerissen!“), verstärkt Missverständnisse („Das habe ich so nicht gesagt!“) und erzeugt oft Applaus von der falschen Seite, gegen den man sich nur unter großem kommunikativen Zusatzaufwand wehren kann.

Nach Viktor Frankl spielt sich die menschliche Freiheit im Raum zwischen Reiz und Reaktion ab. Nur wer diesen Raum nutzt und denkt, bevor er handelt, handelt menschlich und gehorcht nicht unbewussten Verhaltensmustern oder animalischen Instinkten. Wer sich den Spielregeln sozialer Medien unterwirft, ersetzt oft Erinnern, Nachdenken und Beurteilen durch blitzartige Empörung, die sich auch noch lawinenartig ausbreitet. Was wiederum nicht nur zu einer Polarisierung der Diskussionen, sondern zu einer Ausdifferenzierung des Meinungsspektrums führt, in dem man umso lauter auftreten muss, je kleiner die eigene Anhängerschaft ist. Als Ergebnis dieser sich selbst verstärkenden Rückkopplungsprozesse haben sich politische Diskussionen in den letzten drei Jahrzehnten vom betulichen Kaffeekränzchen zur permanenten Wirtshausschlägerei entwickelt.

Dabei geht leider zunehmend auch das Mobiliar dieses Wirtshauses zu Bruch: die stabilisierende Funktion, die Institutionen im politischen und gesellschaftlichen System erfüllen, geraten immer mehr unter Druck, weil sie sich nicht mit der gleichen Geschwindigkeit und Heftigkeit an öffentlichen Debatten beteiligen können, sollen, dürfen und wollen.

Institutionen sind geronnenes Nachdenken über bewährte Prozesse politischen Handelns; Institutionen machen das Leben einfacher, weil sie uns die Mühe abnehmen, jeden Tag wieder alles neu selbst entscheiden zu müssen. Was passiert nun mit diesen Institutionen in einer Mediengesellschaft, die immer öfter alles infrage stellt? Sie sind sowieso schon geschwächt durch den laufenden Entzug an Ressourcen und einen sachfremden Zwang zur Effizienz, der in einer „marktkonformen Demokratie“ gerne mal mit der Privatisierungsdrohung durchgesetzt wird. Im Dauerfeuer medialer Kritik werden sie dann auch noch sturmreif geschossen und am Ende durch ganz demokratische Volksabstimmungen entsorgt.

Kurz: Wer schnell twittert, will ja meist nur seine Meinung kundtun – und verwandelt sich manchmal von einer kommunikativen Mücke in einen Teil einer wütenden Elefantenherde. Trump brüllt, Farage lügt, Hofer grinst. Am Ende haben sie (und wir) es alle nicht so gemeint, dabei aber leider eine politische Kultur zerstört, eine Wirtschaft ruiniert und den Ruf einer Demokratie beschädigt.

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