Die Lehren aus Boston oder: Warum mehr Überwachung nicht automatisch mehr Sicherheit bringt

„Terrorism’s effectiveness doesn’t come from the terrorist acts; it comes from our reactions to it. We need leaders who aren’t terrorized.“

Man kann ja schon seine Uhr danach stellen: Wenn eine Bombe explodiert, fordert unser CSU-Innenminister Hans-Peter „Pawlow“ Friedrich wahlweise flächendeckende Videoüberwachung, Bestandsdatenauskunft, Staatstrojaner oder sonstige technische Maßnahmen. Und suggeriert damit, Sicherheit sei eine Folge möglichst lückenloser Überwachung harmloser Bürger.

dotsAber: Sind Lücken in der Überwachung das eigentliche Problem? Warum haben die Geheimdienste – mal wieder – nicht rechtzeitig erkannt, was in Boston passieren würde – obwohl es doch Hinweise auf verschiedensten Ebenen gab? Warum wurden wieder einmal die Zeichen nicht richtig gedeutet?

Eine der Metaphern, die gerne benutzt werden, um die analytischen Aufgaben eines Geheimdienstes zu beschreiben, ist „connecting the dots“, also das Verbinden von für sich genommen irrelevanten Einzelinformationen, um ein Gesamtbild zu erhalten, Anschläge schon in der Vorbereitung zu erkennen und dann verhindern zu können.

Bruce Schneier, ein anerkannter Sicherheits-Experte und Autor mehrerer Bücher zu diesem Thema, weist in seinem Blogbeitrag Intelligence Analysis and the Connect-the-Dots Metaphor auf die Gefahren hin, die diese Metapher mit sich bringt. Die Folge: eine verfehlte Sicherheitspolitik, die glaubt, durch immer noch mehr Überwachung das Problem lösen zu können.

Wir alle kennen Rätselbücher, in denen man wild verstreute Punkte auf einer Seite in der richtigen Reihenfolge verbinden muss, damit ein Bild entsteht. Das klappt aber nur deswegen, weil diese Punkte nummeriert sind. Im wirklichen Leben haben die gesammelten Einzelinformationen aber keine singuläre Meta-Information, die sich eindeutig auf ein bestimmtes Ergebnis bezieht, sondern eine Vielzahl von Metainformationen, die priorisiert und interpretiert werden müssen. Um im Bild zu bleiben: im wirklichen Leben werden die einzelnen Punkte erst hinterher nummeriert, nämlich dann, wenn der Anschlag schon passiert ist.

Dieses Auswertungsproblem lässt sich übrigens nicht dadurch lösen, indem man noch mehr Einzelinformationen sammelt – im Gegenteil: die vermeintliche Lösung verschärft das Problem noch. Denn dass ein Mehr an Überwachung automatisch zu einem Mehr an präventiver Sicherheit führt, ist ein Denkfehler (er trägt den Namen Rückschaufehler oder hindsight bias).

Übertragen auf die aktuelle Politik heißt das konkret: um die Illusion größerer Sicherheit zu erzeugen, werden mit Sicherheit die bürgerlichen Freiheitsrechte aller wesentlich eingeschränkt – weil die Gefahr steigt, unschuldig auf einer der diversen Verdächtigenlisten zu landen, was dann wiederum mit Beschränkungen in der Freizügigkeit, zumindest aber mit einer mehr oder weniger unspezifischen Überwachung des Kommunikationsverhaltens einhergeht. Allein das Terrorist Identities Datamart Environment der USA enthält 700.000 Namen – alle irgendwie verdächtig, aber fast alle sicher harmlos.

Ich kann mich Bruce Schneiers Schlussfolgerung nur anschließen: Before we start blaming agencies for failing to stop the Boston bombers, and before we push „intelligence reforms“ that will shred civil liberties without making us any safer, we need to stop seeing the past as a bunch of obvious dots that need connecting.

Im Kern sind terroristische Anschläge – von welcher Seite auch immer, explizit oder implizit – ein Angriff auf unsere Freiheit bzw. unsere freiheitliche Lebensweise, die durch die bürgerlichen Grundrechte definiert und geschützt werden. Einen solchen Angriff durch ein Mehr an unspezifischer Überwachung der Bevölkerung verhindern zu wollen, heißt letztendlich, das Kind mit dem Bade auszuschütten – und vor allem: das Problem mit den falschen Mitteln am falschen Ende anzupacken.

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